Traumschaffende

Zum Projekt - Von inneren Bäumen und der Innenweltverwüstung

Michael Ende Die unenliche Geschichte

Meine Beziehung zu den Büchern Michael Endes ist eine ganz besondere. Das ist, denke ich, überflüssig zu erwähnen. Und doch: Obwohl ich mich in meinem Leben immer wieder mit seinen Werken beschäftigt habe, würde ich mir niemals anmaßen, sie weitgehend oder auch nur zur Hälfte erfasst zu haben.

 

Seine von mir so heiß geliebten luftig leichten Bilder und Motive, mit denen er gigantische Metaebenen in eine einzige Szene oder einen Satz bannt, seine Figuren und Gedankenkonstrukte sind schlichtweg so gesättigt von philosophischen, literarischen, psychologischen und kunsthistorischen Bezugnahmen, dass es in meinen Augen eine Lebensaufgabe darstellte, sie alle ergründen und benennen zu wollen.

Und das Wunderbare dabei ist: Das ist auch überhaupt nicht nötig.  Im Gegenteil, denn rein intuitiv erfasst man die von ihm geschaffenen Bilder, die dem Leser ebenso viele Fragen zu stellen wie zu beantworten scheinen. Man nimmt sie mit, trägt sie im Herzen, und die innere Kohärenz, mit der sie sich schließlich bei genauerem Hinsehen in die Tiefe und in hunderte Richtungen hin verzweigen, ist schlussendlich dafür verantwortlich, dass sich jedes Mal da man eines seiner Bücher zur Hand nimmt, und in jedem Lebensalter neue, andere Türen am eigenen Horizont öffnen.

Ich für meinen Teil kenne und (be-)suche diese Türen nun seit meinem 8. Lebensjahr. Immer mal wieder und immer wieder aus Neue. Und vergleichbar dem „Tausend-Türen-Tempel“ aus Michael Endes berühmter Romanvorlage, der bekanntlich ja kein Äußeres sondern nur ein Inneres hat, waren sie, wie sich nun im Erwachsenenalter zeigt, in vielerlei Hinsicht nicht unwesentlich für meine eigene innere Richtungsnahme.

 

Wie tief sie mich allerdings schlussendlich geprägt haben, habe ich erst durch die Arbeit an meinem Modell „Traumschaffende“ begriffen - eine Modellarbeit, die ihren eigentlichen Ursprung in einer Grundsatzfrage hat, die ich mit guten Freunden schon seit Jugendzeiten fleißig am Diskutieren bin (natürlich ohne je zu einem endgültigen Schluss gekommen zu sein):

Was ist eigentlich Kunst? Muss Kunst eine Aussage und/oder einen Inhalt haben um Kunst zu sein? Oder keines von beidem, sofern sie nur einem tiefen Bedürfnis und innerem Drang entspringt?

 

Ich gelangte irgendwann zu der Ansicht, dass diese Frage unmöglich allgemeingültig zu beantworten ist, da die unterschiedlichen Vorstellungen, Ansprüche und Perspektiven, die hierfür zu berücksichtigen wären, ebenso vielfältig und individuell sind wie die Menschen selbst. Man kann eine Antwort immer nur für sich selbst formulieren, und dies war es, was ich seit langem in einem eigenen Projekt tun wollte.

Michael Ende Die unenliche Geschichte

Was bedeutet schöpferisches Arbeiten also für mich persönlich?

 

Als eine seit jeher Getriebene stand für mich schon immer der Schaffensprozess im Zentrum der Dinge und weniger das Endergebnis (an dem ich nach Fertigstellung zumeist herzlich wenig Interesse mehr zeige) oder gar eine allgemeinverständliche Aussage oder Stellungnahme.

 

Zu Beginn stehen immer ein Blitzgedanke, eine Idee und natürlich die stets präsente innere Unruhe, die erst abzunehmen beginnt, wenn die neue Arbeit im Entstehen ist.

In den vielen Stunden, in denen ich meinem Projekt dann beim Wachsen zuschaue, kann ich Gedanken kommen und gehen lassen, die sonst keinen Platz haben, sinke ein, folge den WIEs und WARUMs, lasse mich von einem zum anderen treiben und finde versteckte Erinnerungen, Bilder und Gedanken, denen ich ansonsten kaum ins Gesicht zu blicken wagte. Allein der Schaffensprozess macht es möglich, diese Gedanken einzukreisen und zu fassen. Das Tun wird für mich Meditation und Katharsis gleichermaßen, und jedes Mal wenn ich nach vielen Stunden des Werkens euphorisiert wieder auftauche und hinter den rohen Blöcken und unfertigen Oberflächen meines Projekts ein Stück mehr seiner späteren Form erkenne, ruhe ich ein bisschen mehr in mir.

 

Kurz: Das Erschaffen von Dingen war für mich seit jeher eher ein Prozess der Psychohygiene denn des Hervorbringens, eher ein „Muss“ als ein „Kann“ und definitiv eher an mich selbst adressiert als an irgendeinen Dritten. Und da es niemanden gab, dem ich durch mein Tun irgendetwas erklären oder mitteilen wollte, stand auch nie eine irgendwie geartete Aussage im Zentrum meines Interesses.

 

Als ich mich nun daran machte, diesen Prozess des Erkundens und Sortierens des eigenen Bodensatzes durch kreatives Arbeiten für mich in einer greifbaren Form zu visualisieren, kehrte ich immer wieder zu einem Motiv aus Michael Endes „unendlicher Geschichte“ zurück, das bereits in Kindertagen tiefen Eindruck auf mich gemacht hatte. Es ist sein Sinnbild, ganz Phantasien stünde auf den Grundfesten der vergessenen Träume der Menschen. Eine fast unglaublich treffende Umschreibung des menschlich-Unbewussten in der Phantasie, die er weiter zuspitzt in Form der Grube Minroud, dem Bergwerk der Bilder, in das man hineinfahren kann, um in völliger Dunkelheit nach dem zu schürfen, was dort verschüttet liegt.

Dieses Bild stellte in meinen Augen die perfekte Metapher für mein Vorhaben da. Denn spinnt man den Gedanken einer solchen Welt mit Grundfesten aus verschütteten Träumen, Erinnerungen, Gedanken und Ängsten weiter, so bedeutet dies im Umkehrschluss natürlich, dass alles Handeln, Werkeln und Wirken an der Oberfläche aus ihnen erwächst.

 

Im Hinblick auf meine eigenen Überlegungen stellte ich mir kreatives Arbeiten in diesem Gedankenspiel wie eine Art Pflanze vor, wie einen Baum mit tausend Ast-Händchen, die an der Oberfläche geschäftig an ihrem Werkstück herum zupfen und ihm auf die Welt helfen, während die Wurzeln sich weit in den Untergrund erstrecken - hin zu allem, was dort verborgen liegt.

Minroud Das Bergwerk der Bilder Michael Ende Die unendliche Geschichte

Möchte der „Gärtner“ sich nicht mit dem Schauspiel begnügen, sondern ergründen, aus welchen Bildern das Bäumchen sein Treiben speist und was genau dort schlummert, so kann er sich durch das Bergwerk hinab sinken lassen – in meinem Fall eben an einem Seil, das aus dem Objekt des eigenen Werkeln und Wirken an der Oberfläche erwächst.

 

Diese konzeptionellen Grundüberlegungen standen also zu Beginn meines Projektes. Wie das Buch im Buch sollte diese Arbeit eine über das Arbeiten werden. Ich mochte diesen Ansatz und entschied mich vor seiner Realisierung sehr bewusst dafür, neben dem Originaltext des Romans keine weitere Sekundärliteratur zum Thema zu lesen, schlicht deshalb, weil ich die Idee für mich unbeeinflusst und unverbogen lassen wollte.

 

Das Projekt sollte schließlich keine Ende-Interpretation werden (an einem solchen Vorhaben kann man nur scheitern), sondern sich lediglich dieses einen Motivs bedienen und es für meine Zwecke nutzen.

 

Tatsächlich folgte das weiterführende Lesen erst sieben Monate später, als ich nach Fertigstellung des Modells nach Zitaten und Anregungen für die Fotopräsentation suchte und dabei natürlich wie immer vom Hundertsten ins Tausendste driftete. In „Der Niemandsgarten“, den 2002 publizierten Nachlassschriften Michael Endes, stieß ich schließlich auf ein Zitat, das mich sehr berührte und recht sprachlos zurückließ. Gerade im Hinblick auf meine jüngste Arbeit führte es mir nämlich vor Augen, welch tiefen Einfluss Endes Werk offensichtlich auf die Bilder meiner eigenen Imaginationswelt genommen hatte. Es formulierte meine – wie ich meinte – persönlichen Empfindungen zum Wirken und Wesen des schöpferischen Arbeitens derart treffend, dass es mir fast unheimlich erschien. Dieses Zitat bildete somit gewissermaßen den Abschluss meines Projektes und rundete es für mich endgültig ab. Deshalb möchte ich es hier noch anfügen, bevor ich zur eigentlichen Fotopräsentation übergehe.

 

Es gibt ein Phänomen, das viel weniger beachtet wird, das ist die Innenweltverwüstung, die genauso bedrohlich und genauso gefährlich ist (wie die Außenweltverwüstung). Und gegen diese Innenweltverwüstung können sie mit einem inneren Bäumepflanzen anzugehen versuchen, und das ist zum Beispiel der Versuch, gute Gedichte zu schreiben, das ist ein innerer Baum, der da gepflanzt wird. Man pflanzt nicht nur einen Baum, um Äpfel davon zu haben, sondern ein Baum ist einfach schön, und es ist wichtig, dass er das ist, nicht nur, weil er zu etwas nütze ist. Und so ist das, was viele Schriftsteller, nicht viele, aber doch einige Schriftsteller und Künstler versuchen, nämlich einfach etwas zu schaffen, was dann da ist und was gemeinsamer Besitz der Menschheit werden kann - einfach, weil es gut ist, dass es da ist ". Michael Ende, Der Niemandsgarten, S. 248.