Metropolis' First Son

The Happy Prince

Als vielseitig interessierter Bücherwurm lege ich mich nur ungern fest, was die literarischen Vorlagen meiner Arbeiten betrifft. Und so stellt nach diversen Modellinterpretationen jüngerer Romane des Thriller-, Fantasy- und Horrorgenres nun »Metropolis First Son« erstmalig die Umsetzung eines klassischen Werkes dar. Es handelt sich dabei um eine modernisierte Adaption von Oscar Wildes »The Happy Prince« einem der wohl schönsten Kunstmärchen, dessen Tragik mich als Kind verstörte, dessen Sprache mich als Teenager bezauberte und dessen Zwischentöne mich als Erwachsene nachdenklicher stimmen denn je.

 

Wie viele großen Geschichten beginnt auch diese sehr klein. Mit einem ...


»kleinen Zugvogel, der auf dem Weg in sein Winterquartier Rast auf der Statue des »Glücklichen Prinzen« macht. Der Prinz - längst nicht mehr glücklich seit er von seinem Sockel aus das allgegenwärtige Elend in den Straßen seiner Stadt sieht - überredet den Schwalbenjüngling seine Abreise aufzuschieben, um das Gold und die Edelsteine, mit denen er geschmückt ist, zu den Armen bringen. Doch obwohl die Schwalbe unermüdlich die Kostbarkeiten unter den Vergessenen und Verlassenen der Stadt verteilt, findet die ihr auferlegte Aufgabe kein Ende. Immer gibt es da noch eine weitere arme Seele, wegen der ihr Flug ins Winterquartier aufgeschoben werden muss, immer noch ein Schicksal, vor dem man nicht die Augen verschließen kann. Und schließlich hat die kleine Schwalbe, die den liebgewonnen Prinzen ohnehin nicht mehr verlassen möchte, ihren Anschluss nach Süden versäumt und erfriert kläglich zu Füßen der Statue. Der ehemals so bewunderte Prinz ist inzwischen blind, grau und so unansehnlich, dass die Obrigkeit sich seiner schämt, ihn kurzerhand von seinem Sockel stürzt und einschmilzt. Einzig sein bleiernes Herz will im Hochofen nicht vergehen - und so wird es zuletzt auf den selben Abfallhaufen geworfen auf dem auch die tote Schwalbe liegt.«

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Wie nur wenigen anderen Erzählungen gelang es Wildes Märchen über den steinernen Prinzen, für mich mit jedem Jahr, das es mich begleitete, an Aktualität zu gewinnen. Dies umso mehr sich meine eigenen Lebensumstände wandelten und meine Aufmerksamkeit sich auf die kleinen Nebenschauplätze der Geschichte zu richten begann: In geschliffen-poetischer Ironie stellt Wilde dem Kampf der zwei ungleichen Freunde die Kulisse einer oberflächlichen und unglaublich zynischen Gesellschaft gegenüber, in der weder die Anstrengungen noch das erbärmliche Ende der Helden überhaupt zur Kenntnis genommen werden.

Viel lieber philosophiert die feine Gesellschaft in Abendgarderobe über die Kraft der Liebe derweil zwei Straßen weiter die verarmte Näherin darüber verzweifelt, ihrem schwerkranken Sohn nicht einmal das Nötigste geben zu können.

In eben jenem gesellschaftlichen Bruch begründet sich die eigentliche Tragik der Geschichte. Und auch wenn die äußere Form meiner geplanten Umsetzung lange unklar blieb, so bestand nie ein Zweifel, dass besagter Kontrast den zentralen Ausgangspunkt meiner Interpretation darstellen würde.

Mit meinem Umzug nach Wien stellte sich das konkrete visuelle Konzept schließlich wie von selbst ein. Als Sozialarbeiterin in einer der repräsentativsten und imposantesten Städte Europas wurde das Pendeln zwischen Prunk und völliger Armut, Hipstertum und Kleiderkammer zum allgegenwärtigen Bestandteil meines Alltags, und ich wusste: Meine Version des »Happy Prince« würde nur in der Optik jener zwiegesichtigen altehrwürdigen Metropole ihre Form finden können. Dabei wollte ich ein Experiment wagen, meine Grundidee noch weiter zuspitzen, und Wildes Märchenvorlage in Anlehnung an einen anderen Klassiker umsetzen, der sich für die mir vorschwebende Großstadtoptik wie kein zweiter eignete: Dem Kultfilm »Metropolis« von Fritz Lang. Eine visuelle Vermischung beider Themen bot sich dabei auch inhaltlich an, fußen doch beide Vorlagen auf den gleichen Grundmotiven:
Die Zweiklassengesellschaft, die Abgeschirmtheit der reichen Elite und nicht zuletzt der behütete Sohn aus reichem Hause, dem sich langsam die Augen für diesen gesellschaftlichen Bruch öffnen.

Wo sich allerdings Fritz Langs fiktive Stadt an dem New York der 30er Jahre orientiert, trägt mein Metropolis – wie könnte es anders sein – die Züge meiner Wahlheimat Wien. Wolkenkratzer mischen sich mit Einflüssen des Wiener Sezessionismus, und wild'sche Grundmotive verschwimmen mit Details von Donaukanal, Otto Wagner und 9. Bezirk.

Mit dem Projekt, eine persönliche, eigenständige Form für das mir so lieb gewordene Märchen zu finden, ist ein langehegtes Vorhaben endlich zur Umsetzung gelangt  (Einblicke auf den Entstehungsprozess gibt es wie immer in der Work-In-Progress-Dokumentation). Das Ergebnis ist mein persönliches Metropolis, in dem – wie auch in der realen Vorlage meiner Heimatstadt – die Grenze zwischen Licht und Dunkel sprichwörtlich inmitten des Stadtbildes verläuft. So golden und glanzvoll die Stadt im herbstlichen Streiflicht erscheint, so trostlos spiegeln sich Armut und Verfall in ihren Schatten.

 

Auf der Licht- und Schattengrenze, wo Elend und Prunk aufeinandertreffen, sitzt niedergeschlagen der »Gückliche Prinz« auf seinem Podest - und trauert.