A madman's tale

Die Wand hinter der Wand ... hinter der Wand

Mit der Umsetzung von John Katzenbachs Roman »Die Anstalt (org. The Madman's Tale)« wage ich mich erstmals an ein psychologisches Thema heran, steht der Roman doch bei all seinen Thriller-Elementen ganz unter dem Oberthema der Schizophrenie.


Stephen King IT ES Derry Fanart Pennywise Robert Gray

»Viele Jahre nachdem Francis aus der psychiatrischen Anstalt entlassen wurde, stellt er sich den Geistern seiner Vergangenheit und schreibt seine Lebensgeschichte auf die Wände seines Apartments. Über dem Schreiben vernachlässigt er seine Medikation, und die vermeintlich gebändigte Krankheit schafft sich erneut Raum. Verdrängte Erinnerungen werden erneut zur Realität, längst vergangene Stimmen und Personen treten aus den Schatten der Vergangenheit heraus und umringen ihn. Die Grenzen zwischen damals und heute verschwimmen zunehmend.

Und während Francis immer weniger das Wirkliche vom Unwirklichen und das Damals vom Heute zu trennen vermag, können nur wir Leser als stille Beobachter sein verzweifeltes Straucheln und langsames Abgleiten mitverfolgen, während er seine Geschichte erzählt.«


Zugegeben, meine Liebe zu Katzenbachs Roman begann als willkürlicher Griff in die Bücherkiste. Es war mein erster Kontakt mit dem Autor und zurück blieb ein Gefühl begeisterter Bestürzung. Der Roman um den schizophrenen Francis hat mich berührt und begeistert wie nur wenige es schaffen – nicht seiner eigentlichen Handlung wegen, sondern aufgrund der Sensibilität, mit der man die Welt aus Francis´ Augen zu sehen lernt. Vor allem aber aufgrund der fantastisch angelegten Erzählstruktur, in der die Ebenen von Vergangenheit, Gegenwart und Wahn zunehmend verschwimmen und in gegenseitige Wechselwirkung treten. Entsprechend stand das sensibel skizzierte Szenario schon seit langem ganz oben auf der Liste zu adaptierender Vorlagen.

Bei der Entwicklung eines passenden visuellen Konzepts zeigte sich schnell, dass sich überraschenderweise auch diese abstrakte Thematik hervorragend für den mir mittlerweile so lieb gewordenen Darstellungsansatz eignet: Welten auf unterschiedlichen Ebenen.

 

Während die Ebenen meiner bisherigen Modelle allerdings zumeist oberirdische und unterirdische Bereiche unterteilten (also verschiedene Bereiche eines physischen Raums sichtbar machten), jongliert dieses Modell nun mit gleich drei verschiedenen Ebenen der Wahrnehmung, die es zu visualisieren gilt: 1.) Francis´ zunehmend verzerrte erzählerische Gegenwart, 2.) Francis´ immer realer erscheinende Erinnerungen und 3.) die Außenperspektive, mit der hilflose Nachbarn, vor allem aber wir Leser sein Straucheln verfolgen (siehe hierzu auch die Bilder des Work-In-Progress-Albums).

 

Und da alles damit beginnt, dass Francis sich mangels Papier entschließt, seine Geschichte auf die Zimmerwände seines Apartments zu schreiben – welches Konzept wäre besser geeignet als das der »Wand hinter der Wand«?

Dem entsprechend sind auch in meiner Modellinterpretation der Vorlage Vergangenheit, Gegenwart und Außenbetrachtung als hintereinander geschachtelte Räume angelegt, die alle in Wechselwirkung zueinander stehen:

Im zentralen Raum sehen wir Francis, der kniend die Wände seines Apartments beschreibt. Dabei öffnet sich die Wand strudelartig unter seinen Händen und gibt den Blick auf das frei, was im Hintergrund verborgen liegt: die Bilder seiner Vergangenheit.  Eine leuchtend orange-gelbe Szenerie, die in scharfem Kontrast zu dem grauen Ausblick aus seinem Zimmerfenster steht, und in deren Zentrum das Anstaltsgebäude zu sehen ist. Übermächtig und surreal thront es auf einem Hügelkamm. Der grelle Lichtschein überflutet und blendet Francis, und wirft mit seinem Schein gleichsam die sprichwörtlichen Schatten der Vergangenheit in seine Gegenwart.

Ausgehend von Francis selbst umringen sie ihn als Silhouetten längst vergangener Weggefährten und nie verwundener Feinde. Der tragische Antiheld im Zentrum dieses wahngefärbten Spannungsfelds aus Erinnerung und Gegenwart ist unfähig, sich ihm zu entziehen. Nur wir als Außenstehende können mit Distanz das Geschehen überblicken, denn den Ebenen von Vergangenheit und Gegenwart ist eine weitere, dritte Ebene vorgelagert  die des Lesers/ Betrachters.

Tatsächlich stehen wir vor einer – deutlich größeren Wand, von der aus wir das herzzerreißende Kammerspiel als kleines, klar abgegrenztes Szenario verfolgen: ein Bild auf unserer eigenen Wand, die doch mehr und mehr zu Francis´ Wand geworden ist. Von hier aus können wir als stiller Voyeur das Geschehen überblicken, unseren Blickwinkel ändern und andere Perspektiven einnehmen, und dennoch keinen Einfluss auf Francis´ inneren wie äußeren Kampf nehmen.

 

Und bei allen blutigen und tragischen Wendungen der eigentlichen Geschichte ist dieses Empfinden vielleicht auch der schmerzlichste Aspekt des Leseerlebnisses.