der Bau von Derry

1. Die Stadt aus Licht und Schatten

Stephen King IT ES Derry Fanart Pennywise Robert Gray model diorama

Jedem Projektvorhaben steht eine zentrale Grundidee vor, die man vor allem Anderen umsetzen möchte – ein visionärer Leitfaden, ein atmosphärisch-gestalterischer Grundtenor, den es zu verwirklichen gilt. Bei den Katakomben Buchhaims war es das Querschnittsprinzip der Ameisenfarm, bei der Figur der Inazea Anazazi Pose und Gesichtsausdruck, beim Modell Traumschaffende ein spezifisches emotionales Erlebniskonzept.

 

Im Fall der Umsetzung Derrys waren es Lichtstimmungen. Immer wenn ich mir Derry und seine unterirdischen Kanäle ausmalte, hatte ich weniger eine fest umrissene Form denn eine atmosphärische Grundstimmung vor Augen: Das Stadtbild der 50er Jahre, eingetaucht in die Orange- und Goldtöne eines sich neigenden Spätsommertages – die Kanäle, nass und schimmlig, im grünen Schein der Totenlichter. Orange gegen Grün, zwei Welten im Komplementärkontrast. Das war mein Leitfaden.

 

Noch vor Beginn des Derry-Baus war somit klar, dass für die gewünschte Wirkung der Szenerien vor allem der Einsatz von Licht eine zentrale Rolle spielen würde. Oben genauso wie unten.

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Was den unterirdischen Bereich der Kanäle anging, so war die Frage der Umsetzung hier relativ leicht zu beantworten. Denn da die unterirdische Welt von Derrys Kanälen in das Schrankinnere selbst hinein gebaut werden würde, wo naturgemäß wenig natürliches Licht hinfällt, blieb als einzige Möglichkeit, die Szenerie künstlich zu beleuchten. Es galt also, während des Baus gezielt Lichtquellen (in diesem Fall grün eingefärbte LED-Lichterketten) zu integrieren, die die Kanäle schließlich in ihren unheimlichen Schein tauchen würden. Dieses Vorgehen war ein prinzipiell wunderbar komfortables, denn tatsächlich sind Dramaturgie und Lichteffekte auf diese Weise hervorragend zu lenken. Wo es hell sein soll, kommt ein Licht hin, wo Schatten vorgesehen sind eben nicht. Alles unter Kontrolle.

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Im oberirdischen Stadtbereich sah die Sache schon anders aus. Denn wie erzeugt man das warme Licht- und Schattenspiel eines Sommerabends, ohne permanent zwei große rote Stehleuchten auf die Szenerie zu richten? Ich beschloss, mich alternativ an einer Idee zu versuchen, die mich seit jeher gereizt hatte – ich wollte die Lichtstimmung direkt in die Farbgebung einbauen, Licht- und Schattenspiele malen anstatt sie durch künstliche Lichtquellen zu erzeugen. Da ich in meinen Jugendzeiten viele Jahre mit Ölmalerei zugebracht habe, wusste ich prinzipiell wie Schattenwürfe und Kontraste anzulegen sind – die Farbgebung selbst erwies allerdings als doch recht knifflig.

Denn alle Farben wirken ja immer im Vergleich zueinander und das Auge lässt sich da nur zu gerne täuschen. Was unter gelbem Licht grau wirkt ist de facto eigentlich grün, Anthrazit ist eigentlich ein dunkles Schlammocker...und so weiter und so weiter ... was ein Murks! Um mir größere Gehirnverrenkungen zu ersparen, habe ich zur Klärung der Frage, welche Farbnuancen an welcher Stelle einzusetzen sind schließlich Landschafts- und Stadtfotografien sowie ein Grafikprogramm zu Rate gezogen («Bitte bestimme mir die Farbgebung in genau DIESEM Schatten« ... »oh, ein fesches Graugrünbraunlila^^«) und die Ergebnisse dann in meine Farbgebung übertragen.

 

Um die Wirkung abzurunden, bildete den Hintergrund ein bereits rot schimmernder Himmel – platziert auf einer Hintergrundplatte, die sich in ihrer Formgebung mit dem umzubauenden Möbel verband.

2. Verzerrte Welt

Die Oberfläche Derrys mit Blick Richtung Innenstadt sollte in ihrem Grundriss weitgehend der Aufteilung der Kanäle entsprechen: eine zentrale Straßenflucht, an der sich rechts und links die (aus dem Roman bekannten) Gebäude reihen. Ein schöner Grundgedanke: die Aufteilung oben wie unten gleich, Darstellungen und Atmosphäre aber grundunterschiedlich. So weit, so gut. Aber wie baut man eine lang gezogene Straßenflucht im Maßstab 1/25 bei maximal 60cm Tiefe?

 

Ein ziemlich ungünstiges Vorhaben angesichts der räumlichen Gegebenheiten, denn egal wie man die Sache dreht und wendet – nach 60cm kommt eben unweigerlich die Rückwand, an der es nicht weitergeht. Und bei 60 cm bietet dies Platz für etwa zwei Gebäude auf jeder Seite, die gemeinsam noch lange keinen Straßenzug bilden. In meiner Not griff ich schlussendlich zu einem technischen Trick, von dem ich zugegeben bis zum Ende lediglich hoffen und beten konnte, dass er aufgehen würde: perspektivische Verzerrung.

Meine Häuser sind somit nun alle verzerrt und schräg gebaut und verkleinern sich, genau wie die Strommasten, in Richtung Rückwand auf fast auf halbe Größe. Dabei arbeitete ich mit insgesamt zwei Fluchtpunkten – einem für die Bodenflächen und einem für die Verzerrungen in der Höhe -, anhand derer ich meine Häuschen direkt vor Ort abmaß.Meine Fluchtpunktlinien waren dabei quer im Raum verspannte Bindfäden, mittels derer sich das Gefälle von Dachkanten und anderen Schrägen anzeichnen ließ. Ein absolut experimentelles Unterfangen, das schlussendlich aber tatsächlich irgendwie funktioniert hat: Der Blick entlang der Witcham Street Richtung Innenstadt bietet nun die gewünschter Tiefenwirkung auf relativ kleinem Raum.

3. Rock'n'roll in und über allem

Wie schon im Präsentationstext erwähnt, ging der Umsetzung von Derry eine lange, lange Suche nach einer passenden äußeren Form voran. Jahrelang hatte ich schon mit Gedanken eines eigenen IT-Projekts geliebäugelt, immer scheiterte es daran, dass mir schlicht kein adäquates Rahmenkonzept einfallen wollte, das dem Geist der Vorlage gerecht wurde. Es sollte halt auch etwas Besonderes sein.

Die unerwartete Lösung des Problems lieferte eines Morgens mein Lebensgefährte und langjähriger Muserich Markus, der mir zwischen Kaffee und Arbeit von seinem Traum der letzten Nacht erzählte: einem Traum von einer unterirdischen Szenerie, die auf die Schubladen eines Schrankes aufgeteilt war, einer Welt zum scheibchenweisen Ausziehen sozusagen. Und siehe da – mehr brauchte es gar nicht. Ein langjähriges Problem war mit diesen wenigen Worten gelöst:

 

Mein Derry sollte in einen alten Stereoschrank hinein gebaut werden – wenn auch nicht zum scheibchenweisen Ausziehen, so zumindest zum Aufklappen. Und bitte – was könnte einen besseren Rahmen für diese Ode an die 50er, diese wehmütig-düstere Liebeserklärung an eine Epoche toter Rockstars mit all ihren Zitaten und Anspielungen bilden als ein klassisches Musikmöbel der 50er?

 

Eine kurze Internetrecherche ergab zudem, dass in Bezug auf Kommoden und Schränke gerade in dieser Zeitepoche Ecklösungen schwer in Mode waren.

Für Zimmerecken konzipiert, zeichneten sich die zumeist niedrigen Schrankkonstruktionen durch eine dreieckige Grundform aus, welche noch einmal mehr Grund- und damit Baufläche bot, als die klassisch geraden Modelle. Wie geschaffen für mein Vorhaben also. Der Rest der Geschichte ist in der Baudoku zu sehen. Nachdem einmal eine entsprechende Original- Stereo-Kommode organisiert war, galt es diese nur mehr abzuschleifen, farblich passend zu lackieren und der Bau von Derry konnte beginnen.

 

Und hiermit nun – endlich – zu den Bildern der Baudokumentation!